Vom Wissen zur Wertschöpfung: Transferpotenziale der deutschen Hochschulen heben / EFI-Gutachten 2026 an Bundeskanzler übergeben

Wissenschaftliche Erkenntnisse in die Anwendung zu überführen, ist ein zentraler Erfolgsfaktor für die Innovationsstärke Deutschlands. In ihrem aktuellen Jahresgutachten zeigt die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), dass deutsche Hochschulen über ein hohes Transferpotenzial verfügen. Dieses Potenzial wird jedoch nicht konsequent genug ausgeschöpft. Strukturelle Hemmnisse wie langwierige IP-Verhandlungen und fehlende Anreize bremsen Transferaktivitäten. Die EFI fordert daher gezielte Reformen, um den Wissens- und Technologietransfer als Kernaufgabe der Hochschulen wirksam zu stärken.

Hochschulen als Schlüsselakteure im Transfer

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind die Grundlage vieler innovativer Produkte und Dienstleistungen. Ein leistungsfähiges Wissenschaftssystem trägt damit entscheidend zur Innovationsstärke und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bei. Voraussetzung ist jedoch, dass neues Wissen aus der Forschung zügig in konkrete Anwendungen überführt wird. „Damit kommt den Hochschulen eine Schlüsselrolle für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu – nicht nur durch exzellente Forschung und Lehre, sondern auch durch den aktiven Transfer neuer Erkenntnisse“, betont Prof. Irene Bertschek, Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) und Professorin an der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie am ZEW Mannheim.

Hohes Transferpotenzial – Innovationen aber oft im Ausland

Analysen im aktuellen Jahresgutachten der EFI zeigen: Wissenschaftliche Publikationen deutscher Hochschulen – vor allem der Universitäten, aber auch der Hochschulen für angewandte Wissenschaften – stehen im Hinblick auf ihr Potenzial als Basis für Innovationen den Publikationen US-amerikanischer Universitäten kaum noch nach. Zugleich bestehen weiterhin strukturelle Schwächen, wie Prof. Carolin Häussler, stellvertretende Vorsitzende der EFI und Professorin an der Universität Passau konstatiert: „Deutsche Erkenntnisse werden deutlich seltener in Patenten aufgegriffen als US-amerikanische. Zudem sind sowohl forschungsbasierte akademische Gründungen als auch Patentanmeldungen aus deutschen Hochschulen zuletzt rückläufig.

„Ein weiteres Ergebnis der Analysen im aktuellen Gutachten: „In vielen Technologiefeldern stammen Patente, die auf deutschen Forschungsergebnissen aufbauen, mehrheitlich von Anmeldern aus dem Ausland.“ Häussler erklärt: „Es ist aber nicht nur wichtig, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in Innovationen einfließen, sondern auch, wo sie wirtschaftlich genutzt werden. Wenn die Wertschöpfung überwiegend im Ausland stattfindet, bleiben Wachstumschancen für Deutschland ungenutzt.“

Exzellente Forschung mit hohem Transferpotenzial

„Forschungsstarke Universitäten nehmen sowohl bei Patentanmeldungen als auch bei wissenschaftlichen Publikationen, die in Patenten zitiert werden, eine Spitzenposition ein“, stellt Prof. Guido Bünstorf, Mitglied der EFI und Professor an der Universität Kassel fest und betont: „Gerade in der anwendungsorientierten Grundlagenforschung geht wissenschaftliche Exzellenz häufig mit konkretem Anwendungspotenzial einher. Viele technologische Durchbrüche – vom Laser bis zu mRNA-Impfstoffen – sind aus dieser Art der Forschung hervorgegangen.“

Hemmnisse bremsen Technologietransfer systematisch aus

Strukturelle Faktoren bremsen den Wissens- und Technologietransfer an deutschen Hochschulen aus. Nicht zuletzt fehlt es vielerorts an Kapazitäten zur Unterstützung von Transferaktivitäten. „Viele Transfereinrichtungen sind nicht ausreichend ausgestattet“, erklärt Bünstorf, „nicht zuletzt, weil sie nicht dauerhaft aus den Grundmitteln der Hochschulen finanziert werden, sondern aus kurzfristigen Drittmittelprojekten.“ Für besonders problematisch für den Technologietransfer hält die EFI die häufig langwierigen Verhandlungen über geistiges Eigentum, die Gründerinnen und Gründer mit ihrer Hochschule führen müssen. Sie können Ausgründungen verzögern oder ganz verhindern. Zudem mangelt es an Karriereanreizen für Transferaktivitäten, da diese kaum Berücksichtigung in Berufungsverfahren und Leistungsbewertungen finden, sowie an einer nahtlosen Förderkette von der Forschung bis zur Anwendungsreife.

Transfer als Kernaufgabe der Hochschulen wahrnehmen

Zeit ist beim Technologietransfer ein entscheidender Faktor. Die EFI empfiehlt der Politik daher, eine Initiative „Transferzeit“ zu starten. Zum einen, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zeitliche Freiräume für Transfer- und Gründungsaktivitäten zu schaffen – analog zu Forschungsfreisemestern, die an Universitäten fest etabliert sind. Zum anderen, um den Übergang von der Forschung in die Anwendung zu beschleunigen. Denn im globalen Wettlauf um Technologieführerschaft kommt es darauf an, Wissen schnell in Anwendungen zu überführen. Darüber hinaus fordert die Kommission die zügige Umsetzung der im Koalitionsvertrag angekündigten nationalen IP-Strategie, standardisierte und beschleunigte IP-Verfahren sowie eine bessere Verzahnung nationaler und europäischer Förderprogramme.

Über diese konkreten Reformen hinaus ist vielerorts aber auch ein grundsätzliches Umdenken erforderlich, wie Häussler anmerkt. „Zwar ist der Wissenstransfer in den Hochschulgesetzen als dritte Mission der Hochschulen neben Forschung und Lehre verankert und eng mit beiden Bereichen verknüpft. Aber nicht überall wird er im notwendigen Umfang als Kernaufgabe der Hochschulen betrachtet.“

Pressekontakt:

Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI)
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