Während in vielen Wirtschaftsbereichen das Angebot an Ausbildungsplätzen zurückgeht, bleibt das Handwerk ein verlässlicher Partner der beruflichen Bildung. Denn um die aktuellen Zukunftsaufgaben wie Digitalisierung, Energiewende sowie Infrastruktur- und Wohnungsbau umzusetzen, braucht es qualifizierte Fachkräfte. Die Handwerkskammer Region Stuttgart betont deshalb die guten Ausbildungschancen im Handwerk und fordert gleichzeitig Investitionen in die Qualität der beruflichen Bildung.
In vielen Branchen wird über sinkende Ausbildungszahlen und fehlende Lehrstellen diskutiert. Das Handwerk setzt dagegen ein anderes Signal: Tausende Betriebe in der Region bilden aus und bieten jungen Menschen zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten in einen qualifizierten Beruf. Gleichzeitig bleibt die Besetzung vieler Ausbildungsplätze eine Herausforderung. Um mehr junge Menschen für die handwerklichen Berufe zu gewinnen, setzt das Handwerk auf attraktive Karriereperspektiven und eine hochwertige Ausbildung.
„Das Handwerk steht für Chancen und Perspektiven. Während Ausbildungsplätze in anderen Bereichen knapper werden, bieten unsere Betriebe weiterhin jungen Menschen die Möglichkeit, mit einer Ausbildung den Grundstein für ihre berufliche Zukunft zu legen“, betont Handwerkskammerpräsident Rainer Reichhold. „Gute Ausbildungsqualität ist dabei die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg, Innovation und gesellschaftliche Stabilität. So sichern wir die qualifizierten Fachkräfte von morgen.“
Handwerk schafft Chancen für die Fachkräfte von morgen
Bei der Vollversammlung der Handwerkskammer Region Stuttgart am 13. Juli wurden daher in einem Podiumsgespräch vier verschiedene Perspektiven auf die aktuelle Ausbildungssituation im Handwerk eingebracht.
Stephanie Nägele-Molitor, Mitglied der Geschäftsleitung und Ausbildungsleitung der Stahlbau Nägele GmbH, wurde als „Deutschlands beste Ausbilderin im Handwerk 2025“ ausgezeichnet. Sie beobachtet, dass vor allem gute Kommunikation eine gute Ausbildung ausmacht: „Die jungen Menschen möchten mitentscheiden, möchten ehrliches Feedback. Das heißt, wir müssen als Unternehmen stärker mit Ihnen kommunizieren und am Puls der Zeit bleiben.“ Der Einsatz würde sich lohnen: Nahezu alle Azubis blieben als qualifizierte Fachkräfte im Betrieb.
Die Sicht der Berufsschule kommt von Felix Winkler, Geschäftsführender Schulleiter der Gewerblichen Schulen Stuttgart, Schule für Farbe und Gestaltung. Herausfordernd sei für die Lehrkräfte, mit der geringen Aufmerksamkeitsspanne der Jugendlichen und gleichzeitig der steigenden Heterogenität der Schulklassen umzugehen. Gleichzeitig gebe es aktuell beste Chancen, junge Menschen fürs Handwerk zu gewinnen: „Die Handwerksberufe werden nicht so leicht durch KI ersetzt, das weiß die junge Generation und das kommt gut an.“
Ilian Freude hat gerade seinen Gesellenabschluss in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik absolviert und konnte noch frisch auf die eigene Ausbildung zurückblicken: „Besonders die Sinnhaftigkeit und Vielseitigkeit im Handwerk motiviert, aber auch zu wissen, wie kann ich mich nach der Ausbildung noch weiterentwickeln“, stellt er fest. Er selbst sei aktuell an der Meisterschule und freue sich darauf, bald selbst ausbilden zu können.
„Gerade in Zeiten, in denen viele Jugendliche Schwierigkeiten haben, einen passenden Ausbildungsplatz zu finden, ist das Handwerk ein wichtiger Anker auf dem Ausbildungsmarkt“, resümiert Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. „Unsere Betriebe bieten vielfältige Karrierewege – vom Gesellenbrief über den Meister bis hin zur Unternehmensübernahme. Die Qualität der Ausbildung entscheidet dabei mit darüber, ob sich junge Menschen für diesen Weg entscheiden.“
Qualität sichtbar machen und weiterentwickeln
Die Handwerkskammer Region Stuttgart unterstütze daher mit dem Zertifizierungsprogramm primAQ ihre Mitgliedsbetriebe dabei, Ausbildungsqualität systematisch zu überprüfen und weiterzuentwickeln, so Friedrich. Im Mittelpunkt stehen Kriterien wie eine strukturierte Ausbildungsplanung, feste Ansprechpartner, regelmäßige Feedbackgespräche und eine intensive Betreuung der Auszubildenden. „Wer sich für eine Ausbildung im Handwerk entscheidet, soll sich darauf verlassen können, bestmöglich begleitet und gefördert zu werden“, so Friedrich. „Das Qualitätssiegel macht gute Ausbildung sichtbar und stärkt die Attraktivität der Betriebe für junge Menschen.“
Handwerk fordert mehr Unterstützung
Ein wesentlicher Garant für die Ausbildungsqualität im Handwerk ist die Überbetriebliche Ausbildung (ÜBA) an speziellen Bildungszentren des Handwerks. Sie ergänzt die Ausbildung in Betrieb und Berufsschule und stellt sicher, dass Auszubildende alle relevanten beruflichen Fertigkeiten erlernen. Damit sorgt die ÜBA für ein einheitliches Ausbildungsniveau und unterstützt den Technologietransfer in die Betriebe. Jedoch steigen die Kosten für moderne Werkstätten, digitale Ausstattung und qualifiziertes Bildungspersonal kontinuierlich, warnt Kammerpräsident Rainer Reichhold.
Aus Sicht des Handwerks braucht es deshalb weitere Investitionen in die berufliche Bildung. Neben der finanziellen Förderung für moderne Bildungsstätten seien insbesondere eine bessere personelle Ausstattung der beruflichen Schulen, die Sicherung von Ausbildungskapazitäten sowie eine stärkere Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung notwendig. „Gerade weil das Handwerk jungen Menschen weiterhin so viele Ausbildungs- und Karrierechancen bietet, müssen die politischen Rahmenbedingungen stimmen“, fordert Reichhold. „Außerdem steigen die Erwartungen an die berufliche Bildung stetig. Damit das Handwerk auch künftig die Fachkräfte für Transformation, Klimaschutz und Digitalisierung ausbilden kann, brauchen wir verlässliche Unterstützung für unsere Bildungsstätten.“
Die Handwerkskammer Region Stuttgart fordert:
Berufliche Bildung finanziell stärken – gleiche Förderchancen wie im akademischen Bereich schaffen.
Investitionen in moderne Bildungsstätten – Neubau, Ausstattung und Modernisierung verlässlich fördern.
Innovationen ermöglichen – Räume für neue Qualifikationen und Zukunftsberufe schaffen.
Welche weiteren Forderungen das Handwerk unter anderem zu den Themen Arbeitsrecht, Fachkräftesicherung und Energiewende stellt, kann im aktuellen Handwerkspolitischen Bericht nachgelesen werden: www.hwk-stuttgart.de/hwpb0726
Hintergrundinformation
Die ehrenamtlich tätige Vollversammlung ist das oberste Entscheidungsorgan der Handwerkskammer. Sie setzt sich aus 39 Delegierten zusammen, 13 sind Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitnehmergruppe, 26 Mitglieder vertreten das selbstständige Handwerk und das handwerksähnliche Gewerbe. Sie werden alle fünf Jahre von den Mitgliedsbetrieben gewählt, bestimmen maßgeblich die Grundsatzentscheidungen der Handwerkskammer und üben das Budgetrecht aus. Im Einzelnen entscheidet die Vollversammlung unter anderem über den Haushaltsplan, die Haushaltssatzung, die Grundbeiträge und den Umlagesatz. Außerdem wählt die Vollversammlung aus ihrer Mitte die Präsidentin oder den Präsidenten, die Stellvertretung, den Vorstand und die Ausschussmitglieder.
