Leistungskluft zwischen Schülern aus verschiedenen sozialen Schichten wächst – Allensbach-Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland zur Situation an deutschen Schulen

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Unterrichten deutlich schwieriger geworden /
Verhalten der Schüler spürbar schlechter / Fast 40 Prozent der Lehrer
fordern „Erschwernis-Zulage“ an Brennpunkt-Schulen / Zu große Klassen
und Lehrer-Mangel an weiterführenden Schulen sind größte
Herausforderungen / Deutsches Schulsystem zu undurchlässig /
Lehramt-Studium bereitet nicht ausreichend auf berufliche Praxis vor
/ 54 Prozent der Lehrer kritisieren Bildungspolitik der Länder

Die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland urteilt
weitgehend positiv über ihren Beruf. Knapp drei Viertel (71 Prozent)
aller Lehrkräfte an Grund- und weiterführenden Schulen bereitet ihre
Arbeit demnach Freude. Gut jeder zweite Pädagoge in Deutschland (52
Prozent) hält seinen Beruf zudem für attraktiv, allerdings sind auch
38 Prozent in dieser Frage anderer Meinung. Zu diesem Ergebnis kommt
eine aktuelle Studie mit dem Titel „Lehre(r) in Zeiten der
Bildungspanik: Eine Studie zum Prestige des Lehrerberufs und zur
Situation an den Schulen in Deutschland“, die das Institut für
Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland
durchgeführt hat. Neben einem repräsentativen Querschnitt von
Lehrerinnen und Lehrern an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland
wurden dafür insgesamt 2.096 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählte
Personen ab 16 Jahren befragt, darunter auch 382 Eltern
schulpflichtiger Kinder. Das überwiegend positive Urteil der
Lehrkräfte über ihren Beruf steht allerdings im Gegensatz dazu, dass
sich weite Teile der Lehrerschaft zugleich mit wachsenden Belastungen
konfrontiert sehen. So ist jeder zweite Lehrer (50 Prozent) davon
überzeugt, dass das Unterrichten im Lauf der letzten fünf bis zehn
Jahre deutlich schwieriger geworden sei, was hauptsächlich am
Verhalten der Schüler selbst liege.

Ältere und erfahrene Lehrer bewerten ihren Beruf deutlich
skeptischer

Die Studie zeigt, dass vor allem ältere Lehrerinnen und Lehrer
bzw. jene mit der größten Berufserfahrung den Lehrberuf weniger
attraktiv einschätzen als ihre jüngeren und unerfahrenen Kollegen. So
halten nur noch knapp 41 Prozent der Lehrer ab 55 Jahren sowie knapp
46 Prozent der seit mindestens zwanzig Jahren im Schuldienst
stehenden Lehrer ihren Beruf für attraktiv. Lehrer bis 35 Jahren
bestätigen dies hingegen zu 62 Prozent, jene mit maximal fünfjähriger
Schuldienst-Erfahrung sogar zu 64 Prozent. Auch die Einschätzung,
dass das Unterrichten in den letzten Jahren schwieriger geworden sei,
wird von Lehrern in der Altersgruppe ab 55 Jahre (70 Prozent) sowie
von jenen mit mindestens 20 Jahren Berufserfahrung (63 Prozent)
überdurchschnittlich oft geteilt. Gleiches gilt für Lehrerinnen und
Lehrer an Haupt- und Realschulen (62 Prozent).

Lehrer empfinden Verhalten ihrer Schüler zunehmend als Belastung

Dass das Unterrichten in den letzten Jahren schwieriger geworden
sei, führen Lehrer zu insgesamt 42 Prozent auf das Verhalten ihrer
Schüler zurück und kritisieren damit fehlende Disziplin,
Respektlosigkeit und die Missachtung von Regeln ebenso wie ein
geringes Konzentrationsvermögen, fehlende Motivation oder allgemeine
Erziehungsdefizite. Besonders oft wird dies von Haupt- und
Realschullehrern betont (55 Prozent), deutlich seltener hingegen von
Gymnasiallehrern (34 Prozent). Darüber hinaus zeigt die Studie, dass
von jenen Lehrern, die ihren Beruf grundsätzlich für weniger
attraktiv halten, mehr als jeder vierte (27 Prozent) einen zunehmend
schwierigen Umgang mit den Schülern dafür verantwortlich macht.
Weitere ausschlaggebende Gründe für diese Einschätzung sind neben
einer allgemein hohen psychischen Belastung im Beruf (33 Prozent) die
Tatsache, dass Lehrer immer häufiger Aufgaben übernehmen müssten, die
eigentlich Sache des Elternhauses sind (31 Prozent), sowie ein
zunehmend schwieriger Umgang mit den Eltern der Schüler (28 Prozent).
Eine zu geringe Bezahlung oder fehlende berufliche Perspektiven sind
hingegen nur von nachrangiger Bedeutung (jeweils neun Prozent).

„Erschwernis-Zulage“ für Lehrer an Schulen in sozialen
Brennpunkten

Wenngleich das Thema Verdienst unter Lehrern kein
ausschlaggebendes Kriterium bei der Berufswahl darstellt, so haben
sie doch relativ klare Vorstellungen davon, wonach sich die Höhe der
Bezüge richten sollte. Drei Viertel aller Lehrer (75 Prozent)
erachten die Zahl der geleisteten Unterrichtsstunden als
entscheidend, gut jeder zweite Pädagoge (51 Prozent) fordert eine
Bezahlung auf Basis der Berufserfahrung. Darüber hinaus macht die
Untersuchung aber auch deutlich, dass insgesamt 38 Prozent der
Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland eine Besoldung für
gerechtfertigt halten, in der berücksichtigt wird, ob eine Schule in
einem „sozialen Brennpunkt“ etwa mit hoher Kriminalitätsrate oder
hoher Arbeitslosigkeit liegt. Unter Haupt- und Realschullehrern
fordern dies sogar 46 Prozent. Auch in der Gesamtbevölkerung spricht
sich knapp ein Viertel aller Befragten (24 Prozent) für eine
„Erschwernis-Zulage“ bei der Besoldung von Lehrern in Deutschland
aus. Besonders zahlreich befürworten das Befragte in Hamburg (38
Prozent) und Berlin (35 Prozent).

Dr. Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung
Deutschland, kommentiert: „Lehrer sehen sich heute vielen
Herausforderungen und Zumutungen ausgesetzt – insbesondere dann, wenn
sie sich in sozial schwierigen Lagen für chancengerechte Bildung
einsetzen. Diesen besonderen Leistungen sollte im Besoldungssystem
stärker Rechnung getragen werden, ganz unabhängig von der Schulform.“

Bevölkerung fordert härteren Umgang von Lehrern mit
„Problem-Schülern“

Beim Umgang mit schwierigen Schülern bzw. Klassen bevorzugt jeder
zweite Lehrer in Deutschland (50 Prozent) einen Mix aus Strenge und
Überzeugungskraft. Dieses pädagogische Vorgehen wird von einer
Mehrheit der Gesamtbevölkerung allerdings kritisiert: Insgesamt 56
Prozent halten den Umgang von Lehrern mit undisziplinierten Schülern
für zu „lasch“ und fordern ein konsequenteres Durchgreifen.
Insbesondere Befragte mit einfacher Schulbildung teilen diese Kritik
überdurchschnittlich oft (64 Prozent), während Befragte mit höherer
Bildung dem nur zu 48 Prozent zustimmen. Zudem ist die Kritik am
inkonsequenten Vorgehen der Lehrer in Ländern wie
Mecklenburg-Vorpommern (72 Prozent) oder Thüringen (71 Prozent)
erheblich ausgeprägter als im Saarland oder in Bayern (jeweils 48
Prozent).

Leistungskluft zwischen Schülern verschiedener sozialer Schichten
wächst

Wie die Studie der Vodafone Stiftung Deutschland weiter zeigt,
sind Lehrer nahezu ausnahmslos (97 Prozent) davon überzeugt, dass der
soziale Hintergrund des Elternhauses die Leistung von Schulkindern
beeinflusst – 90 Prozent halten diesen Einfluss sogar für groß bis
sehr groß. Vor diesem Hintergrund ist es alarmierend, dass 60 Prozent
dieser Pädagogen ferner der Ansicht sind, die Leistungsunterschiede
zwischen Schülern aus verschiedenen sozialen Schichten hätten
zugenommen. In den neuen Bundesländern bestätigen das sogar über drei
Viertel der befragten Lehrerinnen und Lehrer (76 Prozent). Dessen
ungeachtet betonen Lehrer jedoch mit einer deutlichen Mehrheit von 73
Prozent, dass die soziale Herkunft der Schüler keine Rolle bei der
Noten-Vergabe spielt. In der Gesamtbevölkerung wird diese Meinung
zwar noch von gut jedem Zweiten (55 Prozent) geteilt, allerdings sind
auch 28 Prozent der Meinung, Kinder aus sozial schwächeren Schichten
würden bei der Benotung eher benachteiligt. In einzelnen
Bundesländern liegt dieser Wert deutlich höher, wie etwa in Hamburg
(40 Prozent), Brandenburg (39 Prozent) oder Hessen (38 Prozent).

Lehrer mit der Situation an Schulen trotz zu großer Klassen
weitgehend zufrieden

In Bezug auf die konkrete Situation im täglichen Lehrbetrieb an
deutschen Schulen geben Lehrerinnen und Lehrer ein überwiegend
positives Urteil ab. So halten 82 Prozent aller befragten Pädagogen
die Motivation ihrer Kollegen für eher gut bis sehr gut, 80 Prozent
bestätigen dies auch für das Leistungsniveau ihrer Schule.
Erstaunlicherweise beurteilen die Lehrer auch das Verhalten der
Schüler ihnen gegenüber zu 76 Prozent und das der Eltern zu 74
Prozent positiv. Für genauso gut halten die befragten Lehrer ihre
Spielräume bei der Unterrichtsgestaltung sowie die allgemeine
Stimmung im Kollegium (jeweils 74 Prozent). Auch die Ausstattung der
Schulen bewerten sie zu mehr als zwei Dritteln (69 Prozent) positiv.
Deutliche Kritik äußern Lehrer hingegen an den Klassengrößen: Beinahe
zwei Drittel (64 Prozent) halten die Klassen für zu groß. Eine
Verkleinerung der Klassen erachten drei Viertel der Lehrer (75
Prozent) demnach auch mit Abstand als drängendste Maßnahme zur
Verbesserung der Situation an deutschen Schulen. Auch in der
Gesamtbevölkerung steht dieser Aspekt bei jedem zweiten Befragten (50
Prozent) an der Spitze der Forderungen.

Unterrichtsausfall und Lehrer-Mangel betrifft vor allem
weiterführende Schulen

Während insgesamt 44 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer ihren
Schulen einen Lehrer-Mangel attestieren, macht die Studie deutlich,
dass dieses Problem insbesondere an weiterführenden Schulen besteht.
Das wird aktuell von jedem zweiten Pädagogen an Haupt- und
Realschulen bzw. Gymnasien (50 Prozent) bestätigt, während
Grundschullehrer an ihren Schulen nur zu 30 Prozent einen Mangel an
Lehrkräften ausmachen. Unterstrichen wird dieser Befund auch dadurch,
dass Unterrichtsausfälle für 91 Prozent der Lehrer an weiterführenden
Schulen aber nur für 64 Prozent ihrer Kollegen an Grundschulen zum
beruflichen Alltag gehören.

Auch Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen
Philologenverbands, sieht in der Bekämpfung des Unterrichtsausfalls
und des fachspezifischen Lehrer-Mangels eine der größten
bildungspolitischen Herausforderungen: „Über eine Million
Unterrichtsstunden werden jede Woche nach unseren Berechnungen nicht
lehrplangemäß gehalten oder fallen aus. Gerade in den
Naturwissenschaften fehlen nach wie vor Tausende von Lehrkräften. Wir
brauchen endlich an unseren Schulen eine echte Unterrichtsreserve,
die diesen Namen verdient!“

Deutliche Kritik an geringer Durchlässigkeit des Schulsystems

Mehr als zwei Drittel aller Lehrer in Deutschland (67 Prozent)
kritisieren, dass Schüler selbst bei guten Leistungen kaum Chancen
hätten, zu einem späteren Zeitpunkt noch auf eine höhere Schulform zu
wechseln, d.h. von der Haupt- auf die Realschule bzw. von der
Realschule aufs Gymnasium. Auch in der Gesamtbevölkerung halten 59
Prozent aller Befragten einen solchen Schritt für schwierig, wobei
Eltern schulpflichtiger Kinder in diesem Punkt die größte Skepsis
aller Befragten an den Tag legen (70 Prozent).

Jeder zweite Lehrer hält Lehramt-Studium für unzureichend

Die Allensbach-Untersuchung belegt, dass sich jeder zweite Lehrer
(50 Prozent) nach seiner universitären Ausbildung derzeit nur
unzureichend auf die berufliche Praxis an deutschen Schulen
vorbereitet fühlt. Konkret kritisieren Lehrer im Rahmen der
universitären Ausbildung vor allem die fehlende Vorbereitung auf
einen angemessenen Umgang mit Schülern bzw. Eltern (zusammen 65
Prozent). Besonders gravierend wird der „Praxis-Schock“ von Lehrern
unter 35 Jahren (60 Prozent) sowie von Lehrern mit weniger als fünf
Jahren Berufserfahrung (62 Prozent) empfunden. Auffällig ist in
dieser Frage zudem eine extreme Diskrepanz in der Einschätzung von
Lehrern aus den alten bzw. neuen Bundesländern: Während sich erstere
zu 56 Prozent durch ihr Studium schlecht auf den Beruf vorbereitet
fühlen, geben letztere zu 73 Prozent an, gut vorbereitet zu sein.

Mehrheitlich schlechtes Zeugnis für Bildungspolitik der Länder

Ein überwiegend schlechtes Zeugnis stellen Lehrerinnen und Lehrer
in Deutschland der Bildungspolitik in ihrem jeweiligen Bundesland
aus. So halten 54 Prozent diese derzeit für weniger gut bis gar nicht
gut. Zudem teilen 53 Prozent aller Pädagogen die Kritik, dass viele
Vorgaben der zuständigen Behörden dem tatsächlichen Alltag an
deutschen Schulen oft nicht gerecht würden. Ähnlich groß (56 Prozent)
ist auch der Anteil jener Lehrer, die meinen, dass die Anpassung der
Lehrpläne beim Übergang vom neun- zum achtjährigen Abitur in den
betreffenden Bundesländern bislang nur unzureichend erfolgt sei.

Wie in den Vorjahren so wurde auch die aktuelle Erhebung im Rahmen
des bundesweiten Wettbewerbs Deutscher Lehrerpreis – Unterricht
innovativ“ durchgeführt. Initiatoren des Wettbewerbs sind die
Vodafone Stiftung Deutschland und der Deutsche Philologenverband. Auf
www.lehrerpreis.de können Lehrerinnen und Lehrer ihre
Unterrichtskonzepte einreichen und Schüler ihre Lehrer für den
Deutschen Lehrerpreis nominieren. Einsendeschluss ist der 18. Juni
2012. Über die Gewinner entscheidet eine hochkarätig besetzte Jury
aus Kultusministern, Wissenschaftlern, Pädagogen und
Schülervertretern. Weitere Informationen zur Teilnahme und Anmeldung
finden Interessierte im Internet unter www.lehrerpreis.de.

Hinweis: Die Studie ist als ePub innerhalb der App der Vodafone
Stiftung Deutschland im Apple-Store und Android-Market sowie unter
www.vodafone-stiftung.de abrufbar.

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Vodafone Stiftung Deutschland
Die Vodafone Stiftung ist eine der großen unternehmensverbundenen
Stiftungen in Deutschland. Unter dem Leitmotiv „Erkennen. Fördern.
Bewegen.“ unterstützt die Stiftung als gesellschaftspolitischer
Thinktank insbesondere Programme in den Bereichen Bildung,
Integration und soziale Mobilität mit dem Ziel, Impulse für den
gesellschaftlichen Fortschritt zu geben, die Entwicklungen einer
aktiven Bürgergesellschaft zu fördern und gesellschaftliche
Verantwortung zu übernehmen. Dabei geht es der Vodafone Stiftung
Deutschland vor allem darum, benachteiligten Kindern und Jugendlichen
den sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

Pressekontakt:
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