Studie zeigt, wie wenig Träume über uns verraten

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Unsere Träume werden augenscheinlich viel weniger
durch unsere Lebenssituation beeinflusst als häufig angenommen. Zu
diesem Ergebnis kommen Forscher der Universitäten Bonn und Frankfurt
sowie der Harvard Medical School. Sie haben die Träume von taubstumm
oder gelähmt geborenen Menschen mit denen von Personen ohne Handicap
verglichen. Selbst geschulte Analytiker konnten nicht zuordnen, von
welcher Personengruppe die jeweiligen Traumbilder stammten. Die
Ergebnisse sind in der Zeitschrift “Consciousness and Cognition”
erschienen (doi: 10.1016/j.concog.2010.10.020).

Die Studienteilnehmer führten ein Traumtagebuch; innerhalb von
zwei Wochen kamen so mehr als 350 detaillierte Beschreibungen
zusammen. Interessanterweise spielte die Behinderung in den wenigsten
Träumen eine Rolle: Gelähmte gingen, rannen oder schwammen;
Taubstumme konnten hören und sprechen. Diese Ergebnisse spiegeln wohl
nicht die Sehnsucht der Betroffenen, ihre Behinderung hinter sich zu
lassen: “In den Träumen der gelähmten Teilnehmer spielte das Motiv
”Bewegung” keine besondere Rolle”, betont die Bonner Psychologin Dr.
Ursula Voss. “Es tauchte weder häufiger noch seltener auf als bei
Nichtgelähmten. Bei den taubstummen Probanden war es genauso.”

Die Forscher baten einen Psychoanalytiker, einen
Verhaltenstherapeuten, einen Psychologen und (als Fachfremden) einen
Physiker, die Schlafphantasien der jeweiligen Personengruppe
zuzuordnen, von der sie stammten. Das gelang ihnen unabhängig von
ihrer Ausbildung nur in einem geringen Teil der Fälle. So ordneten
die Tester lediglich jeden dritten Traum eines Gelähmten korrekt
dieser Gruppe zu.

Eventuell sieht man in Träumen nicht sich selbst, sondern eine Art
menschlichen Prototypus ohne Ecken und Kanten. Das zeigen auch die
Ergebnisse eines noch unveröffentlichten Experiments: Die Forscher
malten auf die Hände gesunder Versuchspersonen einen roten Fleck und
frischten diese Markierung über mehrere Wochen immer wieder auf.
Außerdem baten sie ihre Probanden, sich vor dem Einschlafen
gedanklich mit dem Farbklecks auf ihrer Hand auseinander zu setzen.
In die Träume stahl sich die Markierung dennoch nicht.

Pressekontakt:
Dr. Ursula Voss
0228/73-4351
u.voss@uni-bonn.de