Was für Zeiten, was für Sitten! – Die Kirche und ihr Eheverständnis

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Nach geltendem Kirchenrecht hätte der CDU-Parteichef als wiederverheirateter Geschiedener von diesem Sakrament aber eigentlich ausgeschlossen werden müssen. Was ist da los, fragt man sich. Sonst hält die Kirche bei allem, was mit der heiligen Institution Ehe zu tun hat, doch auch dogmatisch an den althergebrachten Maximen fest – unbeirrbar von Forderungen aus der Gesellschaft. So besteht nach wie vor das sogenannte Ehehindernis der Religionsverschiedenheit. Dieses besagt, dass Personen verschiedener Religionszugehörigkeit einander nicht heiraten dürfen. Diese Regelung hat lange Tradition – ebenso wie die Diskussion über ihre Problematik. Es lassen sich bereits im 12. Jahrhundert Werke finden, die sich mit einer derartigen Thematik auseinandersetzen. So beschäftigen sich die Schriften „Parzival“ und “Willehalm” Wolframs von Eschenbach, seinerzeit einer der größten und angesehensten Dichter, nicht nur ausführlich mit der Eheschließung zwischen Christen und Nichtchristen, sondern verweisen auch auf deren problematische Umsetzung. Essi Mawusé Djinkpor hat es sich in ihrer Abschlussarbeit zur Aufgabe gemacht, diese beiden Werke nach Hinweisen auf die damals herrschenden kirchlichen Vorschriften für eine Eheschließung zu untersuchen. Die verschiedenen Ehebeziehungen, die in „Parzival“ und „Willehalm“ auftreten, werden dabei sehr kleinschrittig analysiert, sodass ein ausführlicher und fundierter Einblick in die Komplexität der Thematik gewährt wird. Für die damalige Adelsgesellschaft wichtige Vorstellungen, wie der Minnedienst und das Streben nach prîs und êre, finden dabei ebenso Beachtung wie die Bedeutung von Taufe und Konversion. Die Untersuchung stützt sich aber nicht allein auf Wolframs Texte: Immer mit einem Blick auf den kulturellen Kontext werden die gezogenen Schlüsse dahingehend überprüft, ob Wolframs Werke tatsächlich die historische Wirklichkeit widerspiegeln. Da man nicht unvermittelt mit der Materie des mittelalterlichen Ehe- und Minnekonzepts konfrontiert wird, sondern zunächst einen Überblick über die damaligen theologischen und kanonischen Ansichten erhält, ist das Buch nicht nur für Mediävisten geeignet. Wolframs Schriften zu kennen ist für die Untersuchung zwar hilfreich, um ihr folgen zu können aber nicht notwendig, da alle wichtigen Zusammenhänge erklärt beziehungsweise die entscheidenden Textpassagen zitiert werden. “Eheschließung zwischen Christen und Heiden” ist natürlich besonders für Mediävisten, die nach einer ausführlichen Untersuchung der Ehebeziehungen in der mittelalterlichen Gesellschaft suchen, interessant. Aber auch für nicht vorgebildete Leser, die gerne wissen wollen, in was für Zeiten welche Sitten herrschten, ist dieses Buch lohnenswert.